In diesem Kapitel werden wir noch einmal explizit auf unsere Fragestellungen
eingehen, wie und warum, wenn denn überhaupt, sie sich veränderten,
und die Methoden darstellen, die von uns zur Anwendung gebracht wurden.
Wie wir bereits in unserer Vorbemerkung angedeutet haben, vertreten
wir die Annahme, daß die "Wägler" zum gegenkulturellen
Milieu, insbesondere mit der Ökologie- und Alternativbewegung in Verbindung
stehend, gehören (1); daß sie - und hier schieden sich
die Geister - mit ihrem Ausstieg aus der Gesellschaft (dem Einzug in einen
Wagen und die Hinwendung zu einem einfacheren Leben (2)), dieser
beispielhaft einen anderen, einen "Spiegel der Bescheidenheit"
vorhalten wollen, es sich damit also nicht nur um einen individuellen Weg
seinem Lebensgefühl Ausdruck zu verleihen handele, sondern um den
Versuch, die eigenen politischen Überzeugungen durch pragmatisches
Herangehen in die Realität umzusetzen.
Anders gefragt: Verbirgt sich hinter dieser Wohnform ein Lebensstil, der
die so lebenden Menschen, von ähnlichen Prämissen geleitet, in
den Stand versetzt, ihre gesamte Existenz in den Kampf für gesellschaftliche
Veränderungen einzubringen; ein Kampf, der es vermag durch seine Praxisnähe
und Beispielhaftigkeit, immer mehr Menschen in den Bann zu ziehen und so
in der Lage ist, in einem langsamen, aber doch immer auf Umwälzung
der gesellschaftlichen Verhältnisse bedachten Prozeß, nachhaltig
den Alltag zu verändern. (3)
Ist es also möglich, daß sich aus dieser Lebensform, so sie
nicht bloße Wohnform ist, ein Bewegungspotential entwickeln kann?
(4)
Während H. Kropp, gestützt auf seine eigene Biographie, die
oben in Frageform gekleideten Annahmen vertrat, war H. Ulferts der Ansicht,
quasi "antithetisch", daß es sich hierbei eher um einen
Rückzug ins "Private" handele, sicherlich nicht bloße
Wohnform, immer ein Stück Lebensgefühl ausdrückend, aber
ohne politische Tragweite. (5)
Eine wie auch immer geartete Bewegung könne man schon gleich gar
nicht ausmachen. Zu gering wäre die Anzahl, zu verstreut seien die
Siedlungsflächen. Und auch den "Vorbildcharakter" sah er
nicht. Die politische Tragweite schien ihm nicht gegeben zu sein.
Das war die Situation Mitte der 80er Jahre, als wir anfingen, uns mit dieser
Thematik zu beschäftigen. Heute, etwa 10 Jahre später, haben
wir zwar eine "Wagenbewegung", die sich zumindest selbst so nennt,
doch ist es fraglich, ob ihr politisches Engagement - immer auf die Bewegung
bezogen, nicht auf den einzelnen "Wagenmenschen" - sich auf mehr
als nur die Einforderung von Stellflächen und den damit verbundenen
Rechten bezieht. Das bunte Bild, welches wir in der Einführung (Kap.1)
zeichneten, vermittelt uns eher einen heterogenen und recht unzusammenhängenden
Eindruck, so daß uns unsere Fragestellung nach wie vor aktuell erscheint.
Wie jetzt aber an unsere Fragen herangehen, ohne den "Wäglern"
im vorhinein unnötige definitorische Fesseln anzulegen? Da es zu diesem
Zeitpunkt (1988) so gut wie keine Literatur zum Wagenleben gab und die
beiden uns bekannten Veröffentlichungen (6) sich mit anderen
Fragestellungen beschäftigten (7), entschieden wir uns, eine
möglichst weitgefächerte Untersuchung vorzunehmen. Mit Hilfe
von Fragebogenerhebungen und Interviews sollten möglichst viele Wagenbewohner
erreicht werden und selbst zu Worte kommen.
Ergänzung finden sollten diese Methoden durch eine Literatur- und
Medienanalyse (Print- und Filmmedien). So sollte sich uns in einer Art
Monographie das Phänomen des Wagenlebens in seinen gesamten Ausprägungen
mittels Eigen- wie Fremdaussagen möglichst umfassend präsentieren
und uns so eine Antwort auf unsere Fragen ermöglichen.
Da wir uns auf die "systematische Erfassung und Deutung sozialer
Erscheinungen" im Sinne der empirischen Sozialforschung eingelassen
haben, was nichts anderes meint, als das "theoretisch formulierte
Annahmen an spezifischen Wirklichkeiten überprüft werden"
(8), gilt es einige Fragen im Vorab zu klären, wie etwa vorgegangen,
der Forschungsablauf gestaltet werden soll oder welche Methoden zur Anwendung
(9) gelangen sollen.
Doch wollen wir kein neues Grundlagenwerk der empirischen Sozialforschung
schreiben, daher scheint es uns angemessen, uns auf die Darstellung unserer
eigenen Schritte zu beschränken.
In einem ersten Schritt (1988) schauten wir, ob Veröffentlichungen
zu diesem Thema - dem Wagenleben - existierten. Doch die Ausbeute war gering.
Zwei Diplomarbeiten (s.o.) und einige wenige Zeitungsartikel konnten wir
zu Tage fördern (10) und diese hatten für unsere Fragestellung
auch nur geringe Relevanz.
So sahen wir uns genötigt, quasi von Null anzufangen. Wir beschlossen,
eine möglichst repräsentative Bestandsaufnahme des Wagenlebens
zu erstellen, was soviel heißen sollte, möglichst viele "Wägler"
(womit wir auch schon unsere Grundgesamtheit definiert hätten), zu
Wort kommen zu lassen und zu ihren Motiven und Perspektiven zu befragen.
Da jede Befragung, ganz gleich ob mittels Interview oder Fragebogen
durchgeführt, immer eine soziale Situation darstellt, in der "gegenseitige
Erwartungen und Wahrnehmungen aller Art" das Verhalten und die Reaktionen
beeinflußen (11), kam es uns von vornherein darauf an, eine
Atmosphäre des gleichberechtigten Gesprächs zu schaffen.
Dies schien uns um so wichtiger, da zum einen die Boykottaufrufe zur Volkszählung
1986 (12) bei uns selbst noch nachklangen, zum anderen (und dies
ist eher eine Erfahrung der 90er Jahre) die Angst vor Bespitzelungen der
Wagen- bewohner durch staatliche Organe, seien es Ämter, Polizei oder
Staatsschutz (und auch durch die der Komplizenschaft verdächtigten
Wissenschaften) (13) , von uns als recht ausgeprägt angenommen
wurde.
Besonders in den Wagendörfern zeigte sich, daß diese Annahme
berechtigt schien. So liegen, trotz unserer Bemühungen, auf die wir
gleich noch näher eingehen werden, den Fragebogen möglichst unverfänglich
zu gestalten, mit einer Ausnahme (6 beantwortete Fragebögen), keine
Antworten aus Wagendörfern vor. Dieselben Fragen in einem Interview
vorgebracht, machten allerdings keine Schwierigkeiten. Es ist die Form
- ein Fragebogen vermittelt anscheinend den Eindruck von bürokratischer
Ausforschung - und nicht der Inhalt, der Argwohn und Ängste auszulösen
scheint.
Dies zeigt, wie wichtig und richtig es war, von Anfang an etwas mehr Aufmerksamkeit
auf die Erstellung des Fragebogens zu verwenden.
Aber bevor wir uns etwas eingehender mit eben diesem beschäftigen,
muß noch ein Umstand Erwähnung finden, der uns sehr hilfreich
war und darüber hinaus wahrscheinlich einige Türen öffnete,
die uns ansonsten wohl verschlossen, bzw. nicht bekannt gewesen wären:
der Rundbrief "W.I.S.H." - der "WäglerInnenSelbsthilfe".
Dieser seit 1988 von H. Kropp im Selbstverlag herausgegebene Rundbrief
versuchte die verschiedenen "Wagenmenschen" zu vernetzen und
ihnen eine Plattform zum Austausch, zur Selbstdarstellung und für
Diskussionen zu bieten. Vermittels in der TAZ geschalteter Anzeigen und
im bewährten "Schneeball-System" fand der "W.I.S.H."
seine Verbreitung in der "Wagen-Szene", so daß ihn zum
Schluß über 300 Menschen bezogen.(14) Dieses Adressenmaterial
versetzte uns erst in den Stand unsere Untersuchung durchzuführen.
Diese Menschen, über ganz Deutschland verteilt und aus verschiedensten
Lebenszusammenhängen kommend (bekannt durch persönliche (Brief)-Kontakte
mit H. Kropp), schienen einen repräsentativen Querschnitt aller "Wagenmenschen"
abzugeben.
Neben dem reinen Adressenmaterial war es die Funktion H. Kropps als engagierter
Herausgeber, die uns nachhaltig zu Gute kam.
Durch diese Funktion hatte er einen gewissen Bekanntheitsgrad, der sicherlich
mit dazu beigetragen hat, eventuelle "Animositäten" gegenüber
unserer Untersuchung (Stichwort: Verwertungsinteresse) abzubauen. Darüber
hinaus hat die Doppelfunktion, die H. Kropp inne hatte, eben Herausgeber
des "W.I.S.H." und Mitautor dieser Untersuchung, uns den Bonus
"moralischer Redlichkeit" im Sinne "Einer-von-uns"
eingetragen.
Doch das erfuhren wir erst später. Erst einmal mußte es unser
Anliegen sein, die schon angesprochene "Gesprächssituation"
zu schaffen.
Unser Auftreten bereitete unseren Interviewpartnern eigentlich keine
großen Schwierigkeiten. Vom Alter, vom Aussehen und vom Sprachduktus
unterschieden wir uns in der Regel nicht sehr.
Es gelang uns zumeist, bei unseren Interviewpartnern das Interesse für
uns und unser Anliegen zu wecken, sei es über die bereits oben erwähnte
eigene "Wagen- existenz" nebst "W.I.S.H.-Initiative"
oder durch ganz normale Neugierde.
Doch sei an dieser Stelle erwähnt, daß es für die Interviewer
- also uns - nicht immer leicht war, unsere eigenen Barrieren abzulegen.
Da wir in der Regel die Interviews "en bloc" durchführten,
auf Reisen von Ort zu Ort, hieß es jeden Tag mit neuen Menschen zu
kommunizieren, sie ein bißchen kennenzulernen, etwas über ihre
Probleme zu erfahren.
Ein doch sehr anstrengendes und zuweilen auch durchaus belastendes Unterfangen.
In der Form gingen wir von einem "wenig strukturierten Interview"
aus, das "die Last der Kontrolle dem Interviewer" überträgt.
P. Atteslander führt dazu weiter aus: "Der Forscher arbeitet
ohne Fragebogen. Er verfügt über einen hohen Freiheitsspielraum,
da er die Anordnung oder Formulierung seiner Fragen dem Befragten jeweils
individuell anpassen kann. Wenn es ihm ratsam erscheint, ein Problem zu
vertiefen oder auf bestimmte, mit Vorurteilen besetzte Begriffe zu verzichten,
ändert er die Gesprächsführung.
Die Bezeichnung "wenig strukturiert" deutet auch darauf hin,
daß die Gesprächsführung flexibel ist, daß wohl Vorstellungen
des Befragers vorhanden sind, daß er auch bestimmte Ziele mit seinen
Fragen verfolgt, daß er aber in hohem Maße den Erfahrungsbereich
des Befragten zu erkunden sucht, d.h. er hört vor allem zu. Hinweise,
die ihm der Befragte gibt, nimmt er auf. Das Gespräch folgt nicht
den Fragen des Interviewers, sondern die jeweils nächste Frage ergibt
sich aus den Aussagen des Befragten. ... Das Ziel wenig strukturierter
Befragungen ist, Sinnzusammenhänge, also die Meinungsstruktur des
Befragten zu erfassen." (15)
Wir hatten zwar unseren Fragebogen, auf den wir im Folgenden noch ausführlicher
eingehen werden, durchaus im Kopf, aber bei der schon oben angesprochen
"Fragebogen-Phobie" schien es uns angebracht, auf die wenig strukturierte
Variante zurückzugreifen.
Die angesprochenen Ängste bieten uns an dieser Stelle Gelegenheit,
auf Tonbandmitschnitte oder Protokolle zur Wiedergabe dieser Interviews
einzugehen. Die meisten Gesprächspartner lehnten einen Tonbandmitschnitt
kategorisch ab. Und auch da wo eine Aufzeichnung möglich war, erwies
es sich zuerst als sehr störend. Es brauchte erhebliche Zeit bis das
Mikrophon nicht mehr wahrgenommen wurde und die "freie Rede"
nicht mehr einschränkte. Diese Verfahrensweise wohl ist in erster
Linie nur bei professionellen Gesprächspartnern zur Anwendung zu bringen.
Ebenso waren Protokolle, auch Gedächtnisprotokolle, nicht immer sehr
beliebt, so daß wir uns veranlaßt sehen, diese zwar in der
Arbeit auszuwerten, aber nicht im Anhang zu veröffentlichen. Diese
Vorgehensweise scheint uns unseren Gesprächspartnern gegenüber
fair zu sein. Selbstverständlich haben wir, und dies gilt auch für
die schriftliche Befragung, alle Namen durchgängig anonymisiert. So
sind wir auch verfahren im Hinblick auf die Städtenamen kleinerer
Wagendörfer, da es ein leichtes ist, bei womöglich 10 Bewohnern
des Wagendorfes Y der Stadt X, die Personen, die uns Auskunft gaben, anhand
ihrer Biographie zu identifizieren.
Bleibt als letztes noch festzuhalten, eigentlich müßig es zu
sagen, daß wir uns in unserem Interviewverhalten für die "weiche"
Variante (16) entschieden, da hier "die Reaktionsmöglichkeiten
des Befragten am höchsten sei und damit eine höchstmögliche
Übereinstimmung der Kommunikationsbereiche bestehe, somit die Fragen
als Stimuli den Erfahrungsbereich des Befragten eröffnen und zugleich
Hinweise auf Betroffenheit und Zentralität geäußerter Meinungen
ergeben." (17)
Summierend bleibt festzuhalten, daß wir in unserer Erhebung auf
die Technik des "narrativen Interviews" zurückgegriffen
haben, weil ihr Ziel "das Verstehen, das Aufdecken von Sichtweisen
und Handlungen von Personen sowie deren Erklärung aus eigenen sozialen
Bedingungen" (18) unseren Anforderungen am nächsten kam.
Den Fragebogen konnten wir nicht mehr so gut hinter unseren eigenen
Personen verstecken, obwohl wir auch dies versuchten. Doch bevor wir darauf
näher eingehen, noch ein paar Worte, warum uns überhaupt ein
Fragebogen - man denke an die oben beschriebenen Bedenken - notwendig erschien.
Die uns bekannten "Wägler", "Rollheimer" oder
wie immer man sie nennen will, lebten in der ganzen Bundesrepublik verstreut
(das "W.I.S.H." Adressenmaterial stellte in Bezug auf den Fragebogen
unsere Stichprobe dar)(19). Sie alle aufsuchen zu wollen, hätte
doch den Rahmen unserer finanziellen und zeitlichen Möglichkeiten
gesprengt.
Da wir aber dennoch den Anspruch hatten, ein möglichst vollständiges
Bild zu bekommen (und die Adressen schon vorhanden waren), entschlossen
wir uns, trotz aller Bedenken (20), vorliegenden Fragebogen zu entwickeln.
(21)
Die erste Schwierigkeit war, wie anfangen - womit wir wieder zum Anfang
dieses Kapitels zurückkommen. Das Anschreiben mußte so gestaltet
werden, daß es etwas über uns und unsere Motive aussagen sollte,
aber auch unsere Nähe zum Wagenleben verdeutlichen würde.
Die Distanz zwischen uns und den Befragten sollte möglichst weit abgebaut,
ein "Wir-Gefühl" aufgebaut werden.
Dieses Ziel versuchten wir auf verschiedenen Wegen zu erreichen. Zum einen
stellten wir uns mit einer auch die politischen Positionen und konträren
Meinungen zum Wagenleben einbeziehenden Kurzbiographie vor; vom Layout
her auffällig gestaltet, fügten wir ein Photo von uns, den beiden
Autoren, ein, daß uns vor H. Kropps durchaus beeindruckendem Wagen
zeigt.
Dies Ganze wiederum wurde den Befragten auf einem mit einem Wagenmotiv
versehenen Schmuckblatt aus Recycling-Papier präsentiert. (22)
Im nächsten Schritt bezogen wir den "W.I.S.H." - also den
Rundbrief - ein. Wir beschlossen, den Fragebogen zusammen mit der aktuellen
Ausgabe zu verschicken. Auch im Textteil des W.I.S.H. fehlte natürlich
der Hinweis auf den Fragebogen nicht.
Der so indirekt-direkt hergestellte Zusammenhang sollte, so hofften wir,
noch einmal unterstreichen, daß wir dem Wagenleben an sich aufgeschlossen
gegenüberstehen und somit helfen, vermeintliche Ängste abzubauen.
Ihren Abschluß fanden diese Vorbereitungen damit, daß wir allen
Fragebogen einen an uns adressierten und bereits frankierten Rückumschlag
beilegten. (23)
Und entgegen allen Unkenrufen, trotz "Volkszählungs-Hysterie"
und "Fragebogen-Paranoia", ist der doch der recht hohe Rücklauf
von 22 Prozent (24), bei einem Fragebogen von nicht unerheblichen
Umfang (52 Fragen), recht positiv und nicht zuletzt den oben dargestellten
Vorbereitungen zu verdanken.
Was den Fragebogen selbst angeht, muß man konstatieren, daß
er recht klassisch gehalten ist, sowohl in Form wie Inhalt. Die Form, das
Aussehen, hat sich dabei insbesondere aus Erwägungen der Übersichtlichkeit
und der späteren Bearbeitung mit SPSS (25) ergeben.
Weiterhin ist der Fragebogen in seiner groben Struktur so angelegt, daß
wir von den doch recht einfach zu beantwortenden Fragen zur Person (Geschlecht,
Alter, Schulbildung etc.) und zur äußeren Ausprägung des
Wagenlebens (Wie lange wohnst du im Wagen? Wie groß ist er? etc.),
über die politische Einstellung (Rechts-Links Kontinuum) langsam zu
den Erwartungen, die mit dem Wagenleben verknüpft werden, vordringen.
Diesem Aufbau entspricht auch in etwa die Verwendung geschlossener und
offener Fragen, wobei erstere mit Antwortvorgaben arbeiten, die nur noch
gekennzeichnet werden müssen, letztere ohne diese auskommen, aber
von den Befragten sehr viel Initiative erwarten.(26)
Grundsätzlich kann noch zu beiden Fragetypen gesagt werden, daß
der "geschlossene" Typus (27) die Auswertung erheblich
erleichtert, die Kriterien sind vorgegeben und es muß nur noch ausgezählt
werden, während der "offene" noch sehr arbeitsintensiv ist,
z.B. müssen Kategorien gefunden und die Nachcodierung vorgenommen
werden.
Trotz der arbeitstechnischen Vorteile der geschlossenen Frage, war es für
uns unverzichtbar auf die offene zurückzugreifen, da wir die Motive
und evt. Ziele die mit dem Wagenleben verbunden werden, von den Befragten
erfahren wollten. Vorgaben unsererseits hätten hier das Bild wahrscheinlich
verfälscht, da sie eine suggestive Wirkung gehabt hätten.
Die Fragen selbst wurden, den "Faustregeln" (28) entsprechend,
möglichst kurz und prägnant, dabei neutral und ohne Suggestivwirkung
formuliert.
In Anbetracht des doch recht großen Zeitraums der zwischen unserer
Erhebung (1989-90) und dem Abfassen dieser Arbeit verstrich (1996) schien
es uns interessant, noch einmal dieselben Menschen mit dem gleichen Fragebogen
zu konfrontieren. Der damit erzielte Längsquerschnitt hätte uns
einen Eindruck vermitteln können, ob und wie sich womöglich die
Einstellungen, die Ziele und die Motive der "Wägler" im
Laufe der sechs Jahre verändert haben.
Und verändert hatte sich etwas.
Zwar hatte unsere Grundgesamtheit (alle Wagenmenschen) noch Bestand, doch
existierte unsere Stichprobe nicht mehr (die 300 "W.I.S.H." Adressen).
Gewarnt durch die Beobachtung unserer näheren Umgebung - viele Menschen
hatten inzwischen das Leben im Wagen aufgegeben - nahmen wir eine Adressenüberprüfung
vor (50 von den 300) und mußten feststellen, daß über
90 Prozent inzwischen inaktuell waren.
Ob dies nun der Mobilität der Behausung oder, wie wir vermuten, dem
Abbruch des Wagenlebens geschuldet ist, werden wir versuchen, in der Auswertung
nachzugehen.
Faktum bleibt, daß sich eine Panel-Studie nicht realisieren ließ.
So mußten wir erst einmal anhand einer Nachuntersuchung (30 Fragebogen,
davon 8 zurück) zu klären versuchen, ob unser Fragebogen noch
das Kriterium der Aktualität erfüllte.
Da die Antworten der Nachuntersuchung sich weitgehend mit den Ergebnissen
der Stichprobe deckten und die vielfältigen persönlichen Kontakte,
über die wir auch heute noch verfügen, dies bestätigen,
gehen wir davon aus, daß unsere Erhebung und die daraus gezogenen
Schlüsse nachwievor Aktualität haben.
Zu den Gegenständen unserer Inhaltsanalysen zählen neben den
Printmedien (Zeitungsberichte, aber auch Flugblätter und das Organ
der "Wägler" die "Vogelfrai") auch Film- und Videomaterial,
daß zum Teil dem starken Medien-Interesse in den frühen 90iger
Jahren (Fernsehberichte), zum Teil der Kreativität der Wagenbewohner
(Eigenproduktionen) zu verdanken ist. (29)
Unser Ziel im Falle der Medienberichte war es hierbei, zu schauen,
ob und was neben den harten Fakten, z.B. Räumung des Dorfes XY, noch
an latenten Inhalten transportiert wird, Sympathie oder Antipathie, der
Wunsch nach Exotik oder die Angst vor der Unordnung, etc. (30)
Bei den Selbstdarstellungen kam es uns darauf an, was die jeweiligen
Personen oder Gemeinschaften über die Motive und Ziele aussagten und
wie dieses Leben der Öffentlichkeit präsentiert wird, welche
Gesichtspunkte des Wagenlebens (sei es das selbstbestimmte Leben, der Ökologiegedanke
oder etwas völlig anderes) in den Mittelpunkt gerückt werden.
Ähnlich sind wir auch verfahren bei der Auswertung unserer Interviews.
Wir schließen uns dabei folgender Definition an: "Inhaltsanalyse
ist eine Methode der Datenerhebung zur Aufdeckung sozialer Sachverhalte,
bei der durch die Analyse eines vorgegebenen Inhalts (z.B.Text, Bild) Aussagen
über den Zusammenhang seiner Entstehung, über die Absicht seines
Senders, über die Wirkung auf den Empfänger und/oder auf die
soziale Situation gemacht werden."(31)
Schon die Überschrift dieses Kapitels macht uns Schwierigkeiten.
Der "selbstreflexive Bezug" ist weniger eine von uns genutzte
Methode, denn ein Vorgehen, daß sich aus unserer persönlichen
Betroffenheit (das Wagenleben H. Kropps und die damit verbundene Auseinandersetzung
zwischen den Autoren, vgl. Vorbemerkung) ergeben hat.
So wurden wir in der Begegnung mit den Wagenbewohnern (der Außensicht),
immer wieder auf uns selbst, unsere Einstellungen und Gefühle (die
Innensicht) zurückgeworfen. Enttäuschungen, etwa bei dem Ansichtigwerden
eines besonders "schrottigen" Platzes oder Momente des Hochgefühls
bei Begegnungen mit besonders sympathischen Menschen, die ähnliche
Ziele und Motive antrieb, traten häufig auf.
Wir hätten diese Gefühle leugnen können, nichtsdestoweniger
wären sie sicherlich eingeflossen. Also scheint es uns angemessen
zu sein, wenn wir sie schon nicht im Einzelnen kenntlichmachen können,
darauf hinzuweisen, daß sie latent existent sind und uns immer beeinflußten.
Es mag möglich sein, dem methodisch Herr zu werden, die Ethnopsychoanalyse
(32) bietet uns ein Beispiel, doch haben wir weder die Kenntnis,
noch die Möglichkeiten deren Vorgehensweise nachzuvollziehen. (33)
Was bleibt, ist nur der Hinweis auf unsere eigene subjektive Befangenheit,
daß sie Eingang in unsere Arbeit gefunden hat und, soweit bewußt
erfolgt, gekennzeichnet wurde.
Dies muß genügen.
Hier
geht es zurück zur Startseite des Wäglerarchivs...
Hier
geht es zurück zum Inhaltsverzeichnis der Studie "Wagenleben
- das Leben wagen!?"