Magirus-Report Teil III

aus Wagendorf, der freien Wissensdatenbank

Magirusreport III

Ach jeh, wie lang das nun schon her ist! Ein gefühltes halbes Leben! Ein halbes leben! Zwei Jahre sind also ein halbes Leben. Damals, vor gut zwei Jahren, da schrieb ich in dieser grauen Vorzeit meiner Sinne zwei Erfahrungsberichte aus meinem jungfräulichen Wagenleben. Magirusreport I und II, so hatte ich sie überschrieben. Die Erfahrungen des Aussteigens aus Normen, der erste Schritt vom Ausstieg zum Neubeginn. Ich lernte schnell, dass ich mit dem Bruch bestimmter gesellschaftlicher Normen, im Wagen lebend, von vielen Menschen mit Interesse befragt wurde, Menschen, die offen waren, die offen sind. Keine Vorurteile!!! Diejenigen mit Vorurteilen, die stecken hinter den Gardinen, den Telefonhörer zwischen Ohr und Schulter geklemmt, das Fernglas in der Hand. Wie hungrige Ratten warten sie auf eine Gelegenheit, die ihnen so vertraute Nummer der grünen Helfer wählen zu dürfen, um ihr Anliegen zu Gehör zu bringen. Läßt die Gelegenheit allzu lange auf sich warten oder droht sie gar auszubleiben, so verändert sich deren Wahrnehmung. Am Knopf des Fernsehers wird gedreht, bis der richtige Film gefunden ist. Der Film läuft. Neutrale Menschen, auf die meine Anwesenheit, mein Sein, meine kleine Revolution gegen allzu feste Normen weder provozierend noch eigene Träume projizierend wirkt, solche neutralen Menschen gibt es quasi nicht. Die einen sind offen und kommen, die anderen kommen ihrer Pflicht nach zumindest denken sie darüber nach, was nun ihre Pflicht ist.

Und weiter? Was habe ich noch gelernt in zwei Jahren Wagenleben? Viel Idealismus, aber auch viele geplatzte Utopien stecken hinter den bunten Fassaden. Eine kleine, bunte Insel, das Stück Traum, das man sich nicht nehmen lassen will, das Stück Kindheit, das nie vergehen sollte und nun zurückerobert wird. Bunte Tupfer im schnöden Großstadtgrau mit all den grauen Kleiderhüllen und den schwarzen Koffern, die im Takt an den Hosenbeinen entlangschwingen auf dem Weg in die x te Etage im Adventskalender. Bunte Tupfer, das wollen wir sein, so, wie es eigentlich jeder sein will. Die einen wollen bunte Tupfer sein, die anderen der bunte Kontrast zur farblosen Welt. Und vielfach ziehen sich die bunten Tupfer ins Kleinstädtische und Dörfliche zurück, bilden dort farbenfrohe Kleckse, wo die grauen Herren, die schon Momo verfolgten, nicht hinkommen, wo sie selten anzutreffen sind, weil sie sich dort nicht anonym verstecken können.

Ja, und das große Buch der Weisen. Ich wußte es schon immer, instinktiv und aus Berichten, nun habe ich es er-fahren. Das große Buch der Weisen, mit unaussprechlichen Kürzeln betitelt bildet es die Sicherheit der grauen Existenzen und Eminenzen, auf deren Grundlage sie ihre Pflicht und Schuldigkeit tun. Das Recht ist eine subjektive Variable. In den Rechtsbüchern wurden die Axiome allerdings festgelegt, die Variablen wurden vertäut. Jeder hat Rechte die Rechte der Rechthaber. Die Rechte der Rechthaberischen. So war es schon immer, so ist es heute, so wird es immer sein. Eine wichtige Er-Fahrung.

Und konkret? Was hat sich konkret getan in zwei Jahren? Sieht man mal von der Erfahrung ab, den ersten Winter ohne Ofen durchgemacht zu haben, dann waren es schon in der Regel und in erster Linie menschliche Erfahrungen, Erfahrungen mit Menschen, die ich gemacht habe. Wichtige Begegnungen in zwei super-Sommern, das ist das eine. Freunde. Freundschaften. Viel Spaß! Die andere Seite besiedelt. Stand ich zu Beginn noch am Rande der Straße, am Rande der Siedlung, so habe ich inzwischen das Ufer gewechselt. Die Interessierten schauen mit offenen Augen herüber, winken, rufen, nehmen Kontakt auf, schnappen sich ggf. ein Kanu. Die Anderen stehen auf den Wachtürmen, schießen mit Parolen aus den stinkenden Kanonenlöchern. Hier ist sie, die andere Seite. Der Wagenplatz. Am Hafen. Und die Erfahrung, dass man das Hafenbecken auch nur mit einem Kanu überqueren kann. Schranken stellen sich uns in den Weg, die uns unser Nachbar in verbaler und realer Version vor die Nase setzt. Die er uns vor die Tür setzt. In der Hecke lauernd, drohend, mit taktischer Kriegführung das Recht des Rechthabers nutzend gegen uns vorgehend. Der Käufer der Rechte, er wirft Brandbomben auf unseren Platz, rechtlich abgesichert, um uns ein letztes Mal die Schranke zu öffnen. Und auf der Schranke steht ein Spruch, der schon einmal eine Pforte geschmückt hat, und das Tor ist übertitelt mit dem Recht des Stärkeren. Jedem das Seine mir das meiste , fällt mir sogleich die Hanuta-Fortsetzung des braunen Spruches ein. Und es paßt! Herzlichen Glückwunsch, sie haben in der Lotterie gewonnen, dürfen sofort auf Los weiterziehen, erhalten die Schloßallee für einen vergünstigten Super-Preis und haben die Macht, über das Schicksal ihrer Mitspieler zu bestimmen. Wir schauen uns um, aber alle Straßen sind schon bebaut. Frei Parken wurde umgewidmet für gewerbliche Nutzung. Das Gemeinschaftsfeld liegt im Landschaftsschutzgebiet. Einzig das Ereignisfeld ist noch zu haben, aber die positiven Ereignisse haben andere aussortiert. Das Ereignisfeld liegt am totgelegten Abstellgleis am Landfahrerplatz. Dreckig, laut, jährlich überflutet.

Früher habe ich mich mal gefreut, dem Adventskalender täglich um ein Geschenk zu erleichtern, um irgendwann am Tag der Tage, dem 24. Dezember, dem Tag des Schenkens, anzukommen. Heute lasse ich sie liegen, bis ich irgendwann vier, fünf Päckchen auf ein Mal aufmache. So liegen sie ungeöffnet auf dem Schrank, ein jedes mit einer zahl versehen, spitz zulaufend auf den 31.12.2003, dem Tag, an dem der Hafen geräumt sein soll.

Schwarze Gedanken? Pessimismus? Realitäten! Der Ausgleich für zwei super Sommer mit viel Leben, Aufleben, Rückschlägen, die mich weitergebracht haben, und viel, viel Zufriedenheit und Ruhe? Wieso ein solcher Ausgleich? Den braucht doch kein Mensch!

Auch wenn auf der anderen Seite der Balkenwaage noch so viele Gewichte aufgelegt werden, werde ich die Seite nicht wechseln. Im Gegenteil: Zwar wäre mir eine ausgewogene Situation lieber, aber wenn ich sehe, wieviel Gewicht unserem Platz, unserer Wohnform beigemessen wird, um so höher steigt mein Thron, um so besser ist mein Überblick, um so mehr erkenne ich, dass dieser Weg der richtige ist.

Und so liege ich nun im Bett, schreibe den Magirusreport 3, und denke wieder mal an Ton-Steine-Scherben, wie damals in der Zeit, als ich die Reporte 1 und 2 schrieb, als ich täglich und plötzlich Textpassagen im Kopf hatte, die so gut zur Situation paßten. Schon lange ist mir kein Ton-Steine-Scherben-Text mehr in den Sinn gekommen, aber wiedermal paßt er:

Und wir werden diesen Weg zu Ende geh n, und ich weiß, wir werden die Sonne seh n, wenn die Nacht am tiefsten ist, ist der Tag am nächsten!

Bis bald, auf der Straße, auf dem Platz oder im Irgendwo

Chicken


Weitere Artikel von mir: Maigurs-Report 1-5

http://www.wagendorf.de/index.php/Magirus-Report_Teil_I

http://www.wagendorf.de/index.php/Magirus-Report_Teil_II

http://www.wagendorf.de/index.php/Magirus-Report_Teil_III

http://www.wagendorf.de/index.php/Magirus-Report_Teil_IV

http://www.wagendorf.de/index.php/Magirus-Report_F%C3%BCnf_-_Kurzbericht


Von einem der einzog, das Fürchten zu lehren. Ein märchenhaft verklärter Bericht von der Platzgeschichte in Kassel.

http://www.wagendorf.de/index.php/VON_EINEM_DER_EINZOG_DAS_F%C3%9CRCHTEN_ZU_LEHREN%21


Die Geschichte meines ersten Zirkuswagen-Transports in 2002

http://alt.wagendorf.de/modules/wfsection/article.php?articleid=29

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